Die jüdische Glaubensgemeinschaft in Bielefeld

Irith Michelsohn beim Anzünden des siebenarmigen Leuchters. (Foto: Wolff)

Wer mit Irith Michelsohn sprechen möchte, muss zuerst einmal klingeln. Diese Tatsache ist erst einmal nichts Besonderes, würde es sich um ein Privathaus handeln. Doch der Ort, an dem ich mich treffe, ist die Bielefelder Synagoge und Michelsohn nicht nur Vorsitzende des Vorstandes der Gemeinde, sondern auch Generalsekretärin der „Union progressiver Juden in Deutschland“.

Da mich der Sicherheitsmann bereits kennt, komme ich ohne Taschenkontrolle in den Verwaltungstrakt, der unterhalb der Synagoge liegt, die den Namen „Beit Tikwa“ trägt, was übersetzt „Haus der  Hoffnung“ bedeutet.

Michelsohn empfängt mich in ihrem Büro, von dem man einen Ausblick auf den Parkplatz hat, der, wie der restliche Teil des Grundstückes, von einer zwei Meter hohen Mauer umgeben ist. Von hier aus leitet sie die Geschicke der Gemeinde, die 320 Mitglieder zählt. „Von denen sind 96 Prozent Zuwanderer und nur vier Prozent Deutsche“, erklärt Michelsohn, die drei Töchter hat und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen lebt. „Wir verstecken uns zwar nicht, sind aber vorsichtig.“ Wenn sich eine Bedrohungslage ergibt, wird Michelsohn von der Polizei per SMS direkt informiert.

Und auch an anderen Stellen zeichnet sich die Vorsicht ab. „Unsere Jugendlichen gingen früher immer mit der Kippa (religiöse Kopfbedeckung der männlichen Juden) in die Stadt“, erklärt die Vorsitzende des Gemeindevorstandes. Heute rate sie den Jugendlichen, das nicht mehr zu machen. „Die Erfahrung zeigt leider, dass das notwendig ist“, so Michelsohns Fazit, die aber auch unterstreicht, dass die Gemeinde in Bielefeld gut akzeptiert werde.

Das Gemeindeleben selbst werde von den Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion geprägt. „Diese Zuwanderer haben ein ganz anderes jüdisches Leben“ erklärt Michelsohn, die 26 Gemeinden in Deutschland betreut, von Kiel bis zum Schwarzwald. Viele der Gemeindemitglieder seien zwar Juden auf dem Papier, wüssten aber nur wenig über die jüdische Religion. „Da betreibe ich auch ein Stück weit Erwachsenenbildung“, erklärt sie schmunzelnd.

In der Bielefelder Synagoge wird auf Hebräisch gebetet und auf Deutsch gepredigt. Das Gemeindeleben zeichnet sich durch zahlreiche Aktivitäten aus. Neben dem Gottesdienst am Freitagabend und Samstagvormittag, stehen zahlreiche Angebote auf dem Programm, wie Kinder- und Jugendgruppen, Deutschunterricht, ein Erzählcafe und ein monatlicher Filmnachmittag.

Den jüdischen Glauben hingegen anzunehmen, sei nicht einfach, erklärt mir Michelsohn, während wir unser Gespräch im Arbeitszimmer beenden und uns auf den Weg in den Gebetsraum der Synagoge machen. „Wenn jemand den Wunsch hat, zum Judentum zu konvertieren, wird er mehrmals abgewiesen“, erklärt sie die Praxis. „Damit wollen wir sehen, ob der Antragsteller es wirklich ernst meint.”

Nachdem ich mir die Kippa aufgesetzt habe, zeigt mir Michselsohn noch den siebenarmigen Leuchter der Gemeinde. Dieser bezieht sich auf die jüdische Menora, den siebenarmigen Leuchter des alttestamentlichen Salomonischen Tempels, der im zweiten Buch Mose beschrieben wird.

Man spürt wie wichtig Mendelsohn ihr Glaube ist. Sie selbst sagt, dass es noch viele Berührungsängste mit dem Judentum gebe. Ihr Wunsch: „Dass wir eine akzeptierte Minderheit sein können.“